Gemeindeseelsorge

 

Die Gemeinde ist der Ort gelebten Glaubens, an dem christliche Seelsorge in verschiedenen Erfahrungsräumen und pastoralen Handlungsfeldern erlebbar wird. Diese Seelsorge fällt in den Aufgabenbereich des Kirchenvorstandes, der die Mitverantwortung für die Seelsorge trägt (Art. 7 KO). Die Beratung der Kirchenvorstände wird vom Zentrum Seelsorge und Beratung (ZSB) wahrgenommen, ebenso wie die Beratung, die Fort- und Weiterbildung und die Supervision der Pfarrerinnen und Pfarrer, die in der Gemeinde tätig sind.
Die wichtigsten Handlungsfelder der Gemeindeseelsorge sind nachfolgend aufgeführt:

Kasualseelsorge
Damit wird die Seelsorge in Gestalt besonderer Gottesdienste und Amtshandlungen mit entsprechenden begleitenden Gesprächen bei Taufe, Beerdigung, Trauung, Silberne- und Goldene Hochzeit, Konfirmation, Silberne- und Goldene Konfirmation bezeichnet. In dieser Form von Seelsorge drückt sich das generationsübergreifende Handeln der Kirche aus, weil sie die Menschen in verschiedenen Phasen und Übergängen des Lebens begleitet und bei der Deutung ihres Lebens unterstützt. Diese Seelsorge nimmt das menschliche Leben in all seinen relevanten entwicklungsbedingten Bezügen und damit ganzheitlich wahr.
Zugleich ist es aber auch die Form von Seelsorge, wo es Pfarrerinnen und Pfarrer zunehmend mit Menschen zu tun haben, die nur noch eine geringe oder gar keine Bindung mehr an die Kirche haben. Häufig sind es sogar Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind oder ihr vielleicht nie angehört haben. Im konkreten Kontakt mit den Pfarrerinnen und Pfarrern erleben diese Menschen Kirche. Wie überzeugend Kirche dabei in Erscheinung tritt, wird an der Authentizität und Glaubwürdigkeit ihrer Vertreterinnen und Vertreter gemessen. Darum wird im ZSB in der Fort- und Weiterbildung verstärkt am Rollen- und Amtsverständnis und an der Beziehungsfähigkeit der Seelsorgerinnen und Seelsorger gearbeitet.

Seelsorgegespräch nach Terminvereinbarung
Dies ist das Seelsorgegespräch für das man einen Termin mit der Gemeindepfarrerin oder dem Gemeindepfarrer vereinbart hat. Der Anlass hierfür kann sehr unterschiedlich sein: Krankheit, Probleme in der Partnerschaft, Probleme mit den Kindern, religiöse Probleme, Sucht, Verwandte bzw. Freunde, die Probleme haben usw. Dieses Gespräch findet in der Regel im Amtszimmer statt und unterliegt wie alle Seelsorgegespräche der Schweigepflicht.
Diese Schweigepflicht ist durch kirchliches Recht gesichert und für Pfarrerinnen und Pfarrer unmittelbar mit den beruflichen Pflichten verbunden. In der EKHN wird diese Pflicht bei jeder Ordination für den Pfarrdienst im Ordinationsvorhalt ausdrücklich angesprochen und mit der Ordinationsverpflichtung von der Pfarrerin bzw. vom Pfarrer auch übernommen. Als Trägern des Seelsorgegeheimnisses wird Pfarrerinnen und Pfarrern sowohl im Zivilprozess als auch im Strafprozess ein Zeugnisverweigerungsrecht eingeräumt, das auch nicht mit Gründen der Gefahrenabwehr aufgeweicht werden kann.

Besuchsseelsorge
Wenn der Mensch in seinen Lebensräumen aufgesucht, wahrgenommen und wertgeschätzt wird, wird von Besuchsseelsorge gesprochen. Auch für diese ist der Kirchenvorstand in besonderer Weise verantwortlich (§ 25, Abs. 2 KGO). Pfarrerinnen und Pfarrer oder andere neben- oder ehrenamtlich Mitarbeitende besuchen in Kirchengemeinden Zugezogene, Konfirmandeneltern, aber vor allem alte, kranke oder sterbende Menschen, oder auch Menschen, die einfach nur feiern und sich freuen, weil sie Geburtstag haben oder ein anderes Jubiläum (Silberne-, Goldene- und Diamantene Hochzeit) begehen.
Um diese Arbeit der Ehrenamtlichen in den Besuchsdiensten der Gemeinden, aber auch in Krankenhäusern und Altenheimen, in der Hospizarbeit, der Telefon- und Notfallseelsorge sowie in der Arbeit der Diakoniestationen zu stärken, wurde am ZSB ein Ausbildungskonzept entwickelt. Ehrenamtliche werden darin unterstützt, verantwortungsbewusst dem Nächsten seelsorgerlich zu begegnen. Diese Ehrenamtlichen werden nicht nur auf einem hohen pastoralpsychologischen Niveau von erfahrenen Pfarrerinnen und Pfarrern praxisnah ausgebildet, sondern sie werden nach der Ausbildung zur Seelsorge auch in einem Gottesdienst öffentlich für diesen wichtigen Dienst der Kirche beauftragt.

Alltagsseelsorge
Viele Menschen haben diese Erfahrung schon gemacht: Am Gartenzaun, im Supermarkt, auf der Straße, sozusagen zwischen Tür und Angel trifft man seine Gemeindepfarrerin oder seinen Gemeindepfarrer. Ganz ungeplant kommt man ins Gespräch und erzählt... Und oft kommt es vor, dass solch ein Gespräch eine dichte seelsorgliche Phase hat.

Seelsorge von der Kanzel
Seelsorge kann nicht nur in den Häusern der Menschen, im Pfarrhaus oder auf der Straße stattfinden, sondern auch im Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen. Wenn Menschen sich von einem Gottesdienst angesprochen, aufgehoben und vielleicht auch in neue Lebensräume eingewiesen fühlen, kann man von Seelsorge sprechen. Ebenso, wenn eine Predigt seelsorgerlich ist, sie also den Hörer als Person wahrnimmt, seinen Glauben wie seine Zweifel respektiert und ihm die Gnade Gottes in sein Leben hinein zuspricht.
Es gehört zu einer langen Tradition, am ZSB Fortbildungen im „seelsorglichen Predigen" anzubieten.

Seelsorge und Leibsorge
Es ist eine besondere Chance der Gemeindeseelsorge, sehr nahe bei den Menschen zu sein und so schnell zu spüren, welche Folgen der gesellschaftliche Wandel für das Leben der Einzelnen hat. Armut, Arbeitslosigkeit, soziales Unrecht, rassistische oder sexistische Benachteiligungen dürfen nicht folgenlos sein und bleiben, sonst wird aus der Seelsorge billige Vertröstung. Wie Leib und Seele, so gehören Seelsorge und Leibsorge zusammen. Viele Kirchengemeinden sind sich dieser Pflicht bewusst und unterstützen deshalb „Tafeln", „Armenkassen" oder andere diakonische Einrichtungen.

Seelsorge in Notfallsituationen
Wer Gemeindeseelsorge betreibt, muss damit rechnen, dass er oder sie auch mit Notfallsituationen im Leben der Menschen konfrontiert wird. Ein Suizid, ein Unfall, ein plötzlicher Kindstod, ein Ehepartner, der überraschend ausgezogen ist, eine erfolglose Reanimation. Menschen geraten in Krisen und manchmal sind die Bewohner des Pfarrhauses diejenigen, von denen man am ehesten Hilfe erwarten kann. Jetzt muss rasch gehandelt werden, Seelsorge als Krisenintervention ist gefragt. Bei dieser Form von Seelsorge werden in der Akutphase zunächst klare Strukturen geschaffen, Geländer errichtet, die den betroffenen Menschen Halt und Sicherheit geben. Erst in einem zweiten Schritt wird diesen Menschen geholfen, dieses krisenhafte Ereignis zu deuten und ins eigene Leben zu integrieren.

Sollte in einem Notfall keiner im Pfarrhaus erreichbar sein, so kann über die Leitstelle durch die Rettungskräfte ein in der Region diensthabender Notfallseelsorger angefordert werden. Unabhängig davon, bleibt es jedem vorbehalten, die Telefonseelsorge zu jeder Tages- und Nachtzeit zu kontaktieren.